Im September 2002 reisten Gesandte des Dalai Lama nach Peking um an Gesprächsrunden teilzunehmen, die mit zu den Wichtigsten seit Beginn der 90er Jahre zählen. Seither haben sich Vertreter des Dalai Lama insgesamt fünf Mal mit Regierungsbeamten der "Vereinigten Front" im chinesischen Arbeitsministerium getroffen. Von tibetischer Seite werden diese Diskussionen als konstruktiv eingestuft. Auch die chinesische Staatsführung betont ihr Interesse am Fortgang der Konsultationen, weist jedoch in offiziellen Kommuniques darauf hin, dass es sich bei den Besuchen der Gesandten des Dalai Lama um Gespräche mit "Privatleuten" handelt.
Der sino-tibetische Dialog, die USA und die Europäische Union
Es ist davon auszugehen, dass sich die chinesische Regierung ohne den Druck der internationalen Staatengemeinschaft nicht dazu bereit erklärt hätte, Vertreter des Dalai Lama zu Gesprächen im Jahre 2002 zu treffen. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter sucht seit langem Unterstützung auf internationaler Ebene, um sein politisches Ziel, die substantielle Autonomie der Tibeter innerhalb eines chinesischen Staatsverbandes, zu verwirklichen. Obwohl in den Grenzen der Volksrepublik China eine "Tibetische Autonome Region" (TAR) eingerichtet wurde, existiert ungeachtet anders lautender Gesetze der Volksrepublik bis heute keine politische, wirtschaftliche und kulturelle Selbstbestimmung der Tibeter.
Chinesische Interessen und friedliche Konfliktlösung
Einigen Asienwissenschaftlern zufolge ist die chinesische Regierung gegenüber der Tibet-Frage gespalten. Innerhalb der chinesischen Regierung gäbe es eine Gruppe, die die Auffassung vertritt, dass sich die Tibetproblematik von selbst erledigen würde, wenn der Dalai Lama stirbt. Andere, insbesondere chinesische Rechts- und Politikwissenschaftler, argumentieren, dass die Volksrepublik eine historische Chance verpassen könnte, wenn es die Gesprächsangebote des Dalai Lama nicht wahrnimmt. Sie glauben, das geistige Oberhaupt sei ein Gesprächspartner, der sowohl über Autorität unter den Tibetern verfügt, als auch die Interessen der Chinesen angemessen berücksichtigen will. Ferner würde eine Verhandlungslösung nachhaltig zur inneren Stabilität der Volksrepublik China beitragen und Chinas internationales Ansehen verbessern.
Trends und Entwicklungen
Bei der letzten, im Februar dieses Jahres stattgefundenen Gesprächsrunde, bekräftigte Lodi Gyari, Gesandter des Dalai Lama, die Wichtigkeit des gegenseitigen Austausches mit der chinesischen Regierung: "Heute haben wir ein profunderes Verständnis der jeweils anderen Position und wir begreifen die fundamentalen Unterschiede, die auch weiterhin bestehen, besser."
Doch nicht nur auf politischer Ebene, auch in der chinesischen Bevölkerung gibt es neue Entwicklungen bezüglich der Tibetfrage. Vor allem jüngere Chinesen, insbesondere Studenten und Intellektuelle, äußern sich relativ offen im chinesischen Internet und drücken ihre Sympathie für die Anliegen Tibets aus. Diese Ansichten erreichen mittlerweile weitere Kreise der Bevölkerung. Chinesische Intellektuelle unterstützen erstmals die Verhandlungslösung des Dalai Lama und schreiben - wie Wang Lixiong - mutige Essays, in denen sie den Dalai Lama als Schlüssel zur Lösung des Tibet-Problems bezeichnen. Allerdings ist vor dem Hintergrund einer sich verschlechternden Menschenrechtsituation in Tibet zu konstatieren, dass ein großer Teil der tibetischen Diaspora den Dialogbemühungen des Dalai Lama mit zunehmender Skepsis begegnet.
Forderungen der International Campaign for Tibet
Da der sino-tibetische Dialog weiterhin eine hohe Brisanz besitzt, empfiehlt International Campaign for Tibet der internationalen Staatengemeinschaft, insbesondere den Staaten der Europäischen Union,
- für einen ernsthaften Dialog zwischen der chinesischen Staatsführung und dem Dalai Lama einzutreten, um auf diese Weise eine friedliche Lösung des Tibet-Konflikts herbeizuführen;
- auf die Dringlichkeit von direkten Gesprächen mit dem Dalai Lama hinzuweisen;
- den Dialog mit der Volksrepublik China über Menschenrechtsfragen transparenter, zielorientierter und koordinierter zu führen;
- das tibetische Volk, sowohl in Tibet als auch in der Diaspora, durch verstärkte Anstrengungen in der Entwicklungszusammenarbeit zu unterstützen, wobei sichergestellt sein muss, dass Entwicklungszusammenarbeit kulturelle und soziale Aspekte tibetischer Identität wahrt.
Publikationen der International Campaign for Tibet
- Chronology of Sino-Tibetan Relations, 1979-2005. International Campaign for Tibet, Washington 2005.

